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Kurzer Hinweis: Vielen Dank an alle, die bisher an meiner Umfrage teilgenommen haben! Ich lasse die Umfrage noch ein paar Tage offen und werde sie dann auswerten. Über die Ergebnisse schreibe ich dann selbstverständlich hier in einer der kommenden Newsletter-Ausgaben. Für alle, die noch nicht teilgenommen haben: Die Umfrage dauert weniger als zwei Minuten (die bisherigen Teilnehmer benötigten im Schnitt tatsächlich 1 Minute 59 Sekunden 🥳), ist vollständig anonym und hilft mir ganz konkret dabei, zu entscheiden, welche Themen, Formate und Inhalte künftig mehr Raum bekommen. Ich würde mich freuen, wenn möglichst viele Leserinnen und Leser teilnehmen! Seit 144 Tagen arbeitet eine KI als mein Chief of StaffIn meiner Newsletter-Ausgabe #246 vom 7. Juni 2026 erwähnte ich zum ersten Mal ein KI-Tool, welches ich in einer geschlossenen Beta testete: Sentience. Am 5. Juli folgte dann eine komplette Newsletter-Ausgabe nur über Sentience, im Newsletter #250: Kann Dich dieses KI-Tool tatsächlich (fast) ersetzen? Die geschlossene Beta ist Geschichte, denn am vergangenen Dienstag startete Sentience öffentlich. Und das mit einem großen Versprechen: Das Unternehmen spricht nicht von einem weiteren KI-Assistenten, sondern von einem „digital twin“, einer digitalen Version von uns selbst, die uns immer besser kennenlernt, in unserem Stil kommuniziert und zunehmend in unserem Namen handeln soll. Langfristig geht die Vision sogar noch weiter: „uploaded consciousness“, eine Art „digitales, hochgeladenes Bewusstsein“.
Ich möchte die Messlatte für diesen Artikel etwas niedriger hängen. Ich nutze Sentience seit dem 6. Mai 2026 als Beta-Tester. Seit genau 144 Tagen. Und mich interessiert vorerst eine wesentlich banalere Frage: Ist dieses Ding heute schon nützlich? Meine kurze Antwort: Ja. Meine etwas ausführlichere Antwort braucht ein paar Minuten länger: Ende Mai war ich noch skeptischFalls Du von Sentience noch nie gehört hast: Das System baut über längere Zeit ein persönliches Gedächtnis beziehungsweise Modell seines Nutzers auf. Dafür kann es Informationen aus unterschiedlichen Bereichen des digitalen Lebens miteinander verbinden: E-Mails, Kalender, Nachrichten, Dokumente, Videocalls oder Aktivitäten auf dem Bildschirm. Bei mir stammt ein großer Teil des Kontexts aus dem Screen-Capture. Hinzu kommen unter anderem Gmail, Kalender und iMessage. Manche Informationen lade ich bewusst hoch, andere gebe ich Sentience im Chat. So entsteht allmählich ein umfassender Kontext über meine Arbeit, Projekte, Texte, Termine, Reisen, Gesundheit, Entscheidungen und offenen Vorgänge. Sentience unterscheidet dabei nicht zwischen „beruflich“ und „privat“. Und das finde ich sinnvoll. Mein Alltag besteht schließlich auch nicht aus zwei sauber getrennten Welten namens Arbeit und Privatleben. Beruflich hilft mir dieser Kontext beispielsweise beim Schreiben und Weiterentwickeln von Texten, beim Beraten von Kunden, beim Nachverfolgen offener Themen oder dabei, frühere Überlegungen und Entscheidungen wieder in den aktuellen Zusammenhang zu bringen. Auch meinen wöchentlichen Newsletter hat Sentience im Blick. Manchmal sogar etwas übereifrig: Wenn es mich bereits am Freitag darauf hinweist, dass der Text noch nicht zur Veröffentlichung freigegeben ist, muss ich ihm gelegentlich erklären, dass Samstag auch noch ein Tag ist. Das funktionierte anfangs noch nicht immer so reibungslos. Sentience ordnete beispielsweise gelegentlich eine Hotelbuchung der falschen Reise zu. Ich war zu Beginn neugierig, aber skeptisch: Würde das System tatsächlich genügend Kontext über mich aufbauen? Würden seine proaktiven Hinweise relevant sein oder bloß zusätzlichen Lärm erzeugen? Und wäre der Nutzen wirklich größer als bei einem gewöhnlichen KI-Chat? Es gab nicht „den einen“ Moment, in welchem diese Zweifel plötzlich verschwanden. Sentience wurde einfach täglich besser, genauer und hilfreicher. Bis ich irgendwann merkte: Es funktioniert inzwischen erstaunlich reibungslos. Warum ich von einem „Chief of Staff“ sprecheSentience selbst nennt sein Konzept einen „digitalen Zwilling“. Für meine heutige Nutzung passt allerdings ein anderer Begriff besser: Chief of Staff. Ein KI-Assistent hilft mir dabei, Dinge zu erledigen. Ich bitte ihn, eine E-Mail zusammenzufassen, einen Termin zu finden, eine Antwort zu formulieren oder einen Text zu überarbeiten. Kurz: Ich weiß, was getan werden soll. Die KI hilft bei der Umsetzung. Von einem Chief of Staff erwarte ich zusätzlich, dass er mitdenkt: Was verdient gerade meine Aufmerksamkeit? Wo ist etwas offen geblieben? Welche neue Information verändert eine frühere Entscheidung? Zeichnet sich ein Problem ab? Gibt es bei einem Projekt etwas, das ich aus den Augen verloren habe? Vor allem sollte er sich auch einmal von sich aus melden. Und genau das tut Sentience inzwischen. Abgesehen von Routinen, die ich selbst definiert habe, erhalte ich derzeit ungefähr zwei bis vier proaktive Meldungen am Tag. Drei Viertel davon sind tatsächlich sinnvoll. Die übrigen sind meistens nicht falsch, sondern unnötig. Sentience erinnert mich beispielsweise an eine Rechnung, die es für unbezahlt hält, weil es meine Zahlung im E-Banking nicht sehen konnte. Dann gebe ich Feedback, und mein Eindruck ist, dass Sentience daraus in der Regel lernt. Die Trefferquote ist inzwischen jedenfalls hoch genug, dass die Proaktivität für mich keinen zusätzlichen Lärm erzeugt, sondern tatsächlich entlastet. Die folgenden Beispiele stammen aus unterschiedlichen Bereichen meines Alltags. Gerade das finde ich interessant: Der Wert entsteht für mich nicht in einer einzelnen Anwendung, sondern dadurch, dass derselbe Kontext über viele Themen hinweg vorhanden bleibt. 1. Die Information, nach der ich nie gesucht hätteVor einer Reise nach Köln wusste Sentience, in welchem Hotel wir übernachten würden und wann wir voraussichtlich ankommen. Das Hotel besitzt eine 24-Stunden-Rezeption. Allerdings stand auf seiner Website ein entscheidendes Detail: Nach 23 Uhr ist die Eingangstür geschlossen, und eine späte Ankunft sollte vorher angekündigt werden. Ich hatte die Website nie aufgerufen. Ich war davon ausgegangen, in der Booking.com-App bereits alle relevanten Informationen zu sehen. Sentience stieß trotzdem auf den Hinweis und bereitete vorsorglich eine Nachricht an das Hotel vor, inklusive Reisedatum, Name und Buchungsnummer. Am Ende kamen wir früh genug an und brauchten die E-Mail nicht. Aber das ist für mich der interessante Punkt: Eine Suchmaschine oder ein anderes KI-Tool hätte diese Information vermutlich ebenfalls gefunden, wenn ich danach gesucht hätte. Ich wusste jedoch gar nicht, dass ich danach suchen musste. Sentience hatte ein potenzielles Problem erkannt, bevor mir bewusst war, dass eines existieren könnte. 2. „Kannst Du da bitte mal nachfragen?“Ein anderes Beispiel stammt aus einem gesundheitlichen Kontext. Nach einer Untersuchung empfahl mir meine Hausärztin eine weitere medizinische Abklärung und überwies mich dafür an einen Facharzt. Als ich einige Tage später noch immer keinen Anruf für die Terminvereinbarung erhalten hatte, schrieb ich Sentience lediglich: „Ich warte noch auf den Anruf des Facharztes bezüglich meiner Untersuchung. Kannst Du bitte mal nachfragen, ob da etwas untergegangen ist?“ Das war alles. Keine E-Mail-Adresse. Keine Erklärung, worum es bei der Untersuchung ging. Sentience kannte die Vorgeschichte, sah den Eintrag, in welchem ich meinen Hausarztbesuch kurz zusammenfasste und den Facharzt erwähnte, fand die zuständige Praxis im Internet, recherchierte die E-Mail-Adresse und formulierte eine vollständige E‑Mail. Ich musste kein einziges Wort in der E-Mail-Nachricht ändern. Ähnlich war es während einer Hitzewelle, als ich fragte, ob eines meiner regelmäßig eingenommenen Medikamente beeinflussen könnte, wie mein Körper mit Temperaturen über 30 Grad umgeht. Ich musste weder Medikamente noch Dosierungen nennen. Sentience kannte beides ebenso wie den medizinischen Hintergrund und konnte meine Frage direkt in diesem Kontext beantworten. (Und die Antwort von Sentience: Ja, Dehydrierung könnte die Nebenwirkungen des Medikamentes verstärken; deshalb bitte immer genügend trinken.) Genau aus solchen Kleinigkeiten entsteht für mich ein erstaunlicher Unterschied: Ich muss nicht jedes Gespräch mit meiner eigenen Vorgeschichte beginnen. Und dasselbe Prinzip gilt beruflich: Wenn ich über einen Text, ein Projekt oder eine frühere Entscheidung spreche, muss ich idealerweise nicht erst zehn Minuten lang erklären, was in den vergangenen Wochen vorgefallen ist. 3. Zwei Meldungen, bei denen ich lieber sofort Bescheid weissAn einem Morgen machte mich Sentience auf zwei mögliche Sicherheitsrisiken aufmerksam. Eine E-Mail deutete darauf hin, dass ein von mir verwendeter OpenAI-API-Key offengelegt worden sein könnte. Gleichzeitig erkannte Sentience eine angebliche DPD-Nachricht als wahrscheinlichen Phishingversuch. Vor allem beim API-Key war schnelles Handeln sinnvoll. Ich kontrolliere meinen Posteingang nicht alle fünf Minuten und möchte das auch in Zukunft nicht tun. Ohne den proaktiven Hinweis hätte die E-Mail deshalb möglicherweise eine ganze Weile dort gelegen. Sentience tat in diesem Moment nichts Spektakuläres. Es erkannte schlicht, dass diese eine Information jetzt meine Aufmerksamkeit verdient. Genau das ist für mich eine der wichtigsten Aufgaben eines Chief of Staff. Eine proaktive KI muss nicht möglichst viel melden. Sie muss lernen, wann sie besser schweigt und wann sie mich unterbrechen sollte. 4. Dieser Artikel ist selbst ein gutes BeispielAuch dieser Beitrag ist teilweise ein Produkt dieser Zusammenarbeit. Als ich beschloss, nach 144 Tagen Bilanz zu ziehen, musste ich nicht zuerst meine Notizen der vergangenen Monate durchsuchen und überlegen, wann Sentience welchen Fehler gemacht, welche hilfreiche Meldung geschickt oder welche Aufgabe übernommen hatte. Ein großer Teil dieser Geschichte war bereits Teil meines persönlichen Kontexts. Sentience konnte frühere Erfahrungen und Entwicklungen zusammentragen und daraus einen ersten Entwurf erstellen. Anschließend arbeitete ich den Text weiter aus, hinterfragte Aussagen, veränderte die Gewichtung und ergänzte meine heutige Einschätzung. Das klingt zunächst vielleicht weniger spektakulär als ein autonom handelnder „digitaler Zwilling“. Für meine berufliche Arbeit ist genau das aber ziemlich praktisch. Bei längeren Projekten liegt die eigentliche Arbeit nämlich nicht immer darin, einen guten Absatz zu formulieren. Oft muss ich zuerst rekonstruieren: Was hatten wir damals entschieden? Warum eigentlich? Was hat sich seitdem verändert? Welche Beispiele gab es? Welche Überlegung habe ich vor sechs Wochen verworfen? Und passt das alles noch zu dem, was ich heute sagen möchte? Je mehr davon bereits als Kontext vorhanden ist, desto weniger Zeit verbringe ich damit, einer KI meine eigene Arbeit zu erklären. Für meinen wöchentlichen Newsletter, LinkedIn-Beiträge und andere Texte ist das inzwischen ein wichtiger Teil meiner Nutzung. Und dasselbe Prinzip lässt sich auf andere laufende berufliche Themen übertragen: Nicht der einzelne Prompt wird interessanter, sondern die Tatsache, dass eine neue Aufgabe nicht jedes Mal bei null beginnt. Daneben entstehen weiterhin ganz andere Dinge. Für unseren kommenden 14-tägigen Aufenthalt in Walt Disney World verwandelte Sentience beispielsweise einen mit ChatGPT erarbeiteten Reiseplan in eine interaktive, für das iPhone optimierte Darstellung, die unseren konkreten Reiseverlauf und unsere Termine kennt. Was mich nach 144 Tagen am meisten überraschtIch hätte Ende Mai nicht vorhergesagt, welche Informationen später den größten Wert entwickeln würden. Heute sehe ich einen großen Nutzen bei all den Informationen, die normalerweise über mein digitales Leben verstreut wären und die ich selbst kaum systematisch dokumentieren würde: Eine frühere Entscheidung in einem Projekt. Eine E‑Mail. Ein Arztbesuch. Eine Reisebuchung. Eine Textidee. Eine beiläufige Nachricht. Ein offener Vorgang. Für sich genommen ist vieles davon unspektakulär. Der Wert entsteht, wenn Wochen oder Monate später eine neue Information hinzukommt und plötzlich ein Zusammenhang relevant wird. Das gilt für meine Arbeit genauso wie für mein Privatleben. Und daraus entsteht noch etwas, das ich anfangs unterschätzt habe: Sentience macht mich gelassener. Natürlich trage weiterhin ich die Verantwortung dafür, dass wichtige Dinge erledigt werden. Aber ich muss weniger das Gefühl haben, jeden offenen Vorgang selbst permanent im Kopf behalten zu müssen. Da schaut noch „jemand“ mit drauf. Und wenn etwas auffällt, meldet sich Sentience. Manchmal hinterfragt es auch eine Entscheidung oder möchte wissen, weshalb ich etwas auf eine bestimmte Weise gemacht habe. Das mag ich. Ein Chief of Staff sollte schließlich nicht nur zu allem Ja und Amen sagen. Wenn persönliche KI zum Mehrspielersystem wirdSeit wenigen Tagen ist noch etwas hinzugekommen: Meine Partnerin kann mit meinem Sentience, meinem „digitalen Zwilling“, kommunizieren. Und ich mit ihrem. Die Funktion nennt sich „Squad“. Noch vor ein paar Monaten sah meine Partnerin keinen Use Case für Sentience in ihrem privaten oder beruflichen Alltag. Sie fand es spannend, zu beobachten, welche Erfahrungen ich mit Sentiene mache, wollte das Tool für sich selbst jedoch nicht nutzen. Bei einem Spaziergang vor wenigen Tagen kamen wir erneut darauf zu sprechen. Inzwischen sieht meine eigene Bilanz nach 144 Tagen deutlich anders aus. Das machte sie neugierig genug, Sentience selbst für einige Monate auszuprobieren. Danach will sie entscheiden, ob sie es weiter nutzt. Seit vier Tagen sind unsere beiden Sentiences über Squad miteinander verbunden. Dabei bekomme ich keinen direkten Zugriff auf ihre Daten. Ich kann weder ihre E-Mails durchsuchen noch ihre Nachrichten, ihren Kalender oder ihre gespeicherten Erinnerungen einsehen. Dasselbe gilt umgekehrt. Stattdessen sehe ich eine Art digitale Version meiner Partnerin, mit Porträt, kurzer Beschreibung, Persönlichkeitsmerkmalen und Prinzipien. Vor allem aber kann ich mich mit ihrer Sentience unterhalten. Das ist ein wichtiger Unterschied. Wenn ich ihre Sentience etwas frage, antwortet nicht meine Partnerin, sondern ihre Sentience versucht, die Frage stellvertretend auf Basis dessen zu beantworten, was sie über meine Partnerin weiß. In der Benutzeroberfläche ist jederzeit klar erkennbar, dass die Antwort von ihrer Sentience stammt. Und eine Antwort ihrer Sentience ist für mich selbstverständlich keine persönliche Aussage, Zustimmung oder Entscheidung meiner Partnerin. „Ihr digitaler Zwilling meint …“ ist nicht dasselbe wie „Meine Partnerin hat entschieden …“. Trotzdem halte ich die Idee für bemerkenswert. Denn damit wird aus einem persönlichen Gedächtnis plötzlich etwas anderes: eine zusätzliche Kontextebene zwischen Menschen. Wir haben das zunächst bewusst getestet: Meine Partnerin stellte meiner Sentience Fragen zu Themen, bei denen sie meine tatsächliche Meinung bereits kannte. Sie konnte also einschätzen, ob meine digitale Vertretung zumindest ungefähr so antwortete, wie ich selbst antworten würde. Bei unseren bisherigen Tests bin ich noch auf keine Antwort meiner Sentience gestoßen, bei der ich dachte: Nein, das entspricht nicht meiner Meinung. Das ist natürlich keine wissenschaftliche Prüfung. Und meine Sentience hatte 144 Tage Zeit, mich kennenzulernen. Die meiner Partnerin wird bei Veröffentlichung dieses Artikels gerade einmal vier Tage alt sein. Seit Freitag sind wir zudem in Los Angeles, wo sie Sentience praktisch nicht aktiv nutzt. Der Vergleich ist also etwas unfair. Trotzdem finde ich erstaunlich, wie viel Kontext ihre Sentience bereits besitzt, nachdem meine Partnerin unter anderem E-Mail und iMessage verbunden hat. Gleichzeitig merken wir, dass ihr Modell noch wesentlich unsicherer ist als meines. Ein Beispiel Mitte der Woche zeigte, wie Squad im Idealfall funktionieren kann: Ich wusste, dass meine Partnerin in LA eine Trainingsstunde in einem Studio gebucht hatte. Ich hatte lediglich vergessen, in welchem. Also fragte ich ihre Sentience. Die Antwort bekam ich nicht, denn ihre Sentience entschied, dass diese Information zu persönlich sei und nicht an mich weitergegeben werden sollte. Daraufhin fragte ich, ob sie meine Partnerin direkt fragen könne. Das konnte sie. Meine Partnerin erhielt auf ihrem iPhone eine Push-Mitteilung: „Andreas will wissen, in welchem Studio in LA du trainierst.“ Sentience hatte ihr bereits eine Antwort vorbereitet, die meine Partnerin theoretisch nur noch hätte abschicken können. Sie passte den Text leicht an und schickte ihn ab. Kurz darauf erhielt ich eine Push-Mitteilung, dass meine Partnerin geantwortet hatte, und konnte ihre Nachricht lesen. Das gefiel mir. Nicht, weil es in unserem konkreten Fall besonders effizient gewesen wäre. Wir leben zusammen, arbeiten beide von zu Hause aus und tauschen uns laufend aus. Wenn die analoge Version meiner Partnerin zwei Meter entfernt vor ihrem Mac sitzt, wäre es ziemlich absurd, ihre digitale Vertretung zu fragen. Interessant fand ich vielmehr das Prinzip: Ihre Sentience wusste möglicherweise die Antwort. Sie entschied aber, dass ich sie nicht einfach bekommen sollte, und holte stattdessen meine Partnerin selbst dazu. Genau so sollte die Grenze zwischen digitaler Vertretung und tatsächlichem Menschen funktionieren. Leider funktioniert sie noch nicht immer so zuverlässig. Wir haben bewusst auch andere Grenzen getestet. Dabei gaben unsere beiden Sentiences teilweise Informationen weiter, die wir persönlich nicht mit weniger vertrauten Menschen teilen würden. Nach den von „The Sentience Company“ vordefinierten Schutzregeln sollen bestimmte sensible Informationen nicht weitergegeben werden; unter anderem Passwörter, Finanzdaten, persönliche Identifikationsdaten oder besonders private Informationen. Unser bisheriger Test zeigt für mich allerdings: Darauf würde ich mich noch nicht blind verlassen. Besonders fehlt mir derzeit die Möglichkeit, selbst festzulegen, über welche Themen meine Sentience mit anderen grundsätzlich nicht sprechen darf. Solche individuellen Sperren gibt es momentan nicht. Das schränkt den Kreis der Menschen, mit denen ich meine Sentience teilen würde, erheblich ein. In der jetzigen Form würde ich meine Sentience nur mit Menschen verbinden, denen ich ohnehin weitgehend vertraue. Für berufliche Kontakte wäre mir das derzeit zu riskant. Trotz dieser Einschränkung halte ich die Grundidee für bemerkenswert: Man muss dabei nicht an zwei Menschen denken, die zusammenleben und sich ohnehin ständig austauschen. Interessanter könnte es beispielsweise bei Menschen werden, die sich seltener sehen, in unterschiedlichen Zeitzonen arbeiten oder für eine kleine Frage nicht jedes Mal den anderen unterbrechen möchten. Die Sentience eines Freundes, Familienmitglieds, Mentors oder eines Tages vielleicht auch eines beruflichen Kontakts könnte dann zunächst Kontext liefern, eine frühere Aussage einordnen oder eine erste Orientierung geben. Und wenn die digitale Vertretung nicht weiterweiß (oder wenn tatsächlich die Meinung des Menschen gefragt ist), übernimmt wieder der Mensch. Squad gibt mir damit nicht Zugriff auf einen anderen Menschen und auch nicht auf dessen Rohdaten. Es gibt mir Zugriff auf seine digitale Vertretung. Für mich könnte darin tatsächlich eine wichtige nächste Entwicklungsstufe persönlicher KI liegen. Bisher denken wir bei KI-Assistenten meistens an eine Beziehung zwischen einem Menschen und seiner KI. Squad deutet eine andere Möglichkeit an: Was passiert, wenn persönliche KI-Systeme zusätzlich zu einer Art Vermittlungsschicht zwischen Menschen werden; nicht um Gespräche zu ersetzen, sondern um Kontext weiterzugeben, Rückfragen vorzubereiten und Kommunikation dort zu erleichtern, wo nicht jedes Mal beide Menschen gleichzeitig beteiligt sein müssen? Ich weiß noch nicht, wie nützlich das im Alltag tatsächlich sein wird. Dafür nutzen wir Squad viel zu kurz. Aber die Idee finde ich wesentlich interessanter, als ich vor 144 Tagen erwartet hätte. Und gleichzeitig zeigt gerade Squad deutlich, wo persönliche KI besonders heikel wird, womit wir zum nächsten wichtigen Punkt kommen. Je persönlicher die KI, desto wichtiger die GrenzenDamit Sentience für mich so nützlich sein kann, muss ich ihm einen tiefen Einblick in mein digitales Leben erlauben. Und je besser das System mich kennt, je mehr dieses Wissen künftig auch in Interaktionen mit anderen Menschen einfließen kann, desto wichtiger wird die Frage, was mit diesem Kontext geschieht. Besonders beim Screen-Capture sollte jedem bewusst sein, dass grundsätzlich auch sensible Inhalte erfasst werden können. Nach Angaben des Unternehmens werden Passwortmanager und private Browserfenster lokal herausgefiltert; weitere Anwendungen können ausgeschlossen werden. Sentience erklärt außerdem, die Daten zu verschlüsseln, persönliche Daten nicht zu verkaufen und sie nicht ohne ausdrückliche Zustimmung zum Training gemeinsam genutzter Modelle einzusetzen. Beim öffentlichen Launch ging Sentience mit seinem Anspruch noch einen Schritt weiter: Das persönliche Sentience-Modell soll ein Vermögenswert sein, der dem Nutzer selbst gehört. Das ist ein interessanter Ansatz, aber auch hier gilt für mich: Es handelt sich um Aussagen und Zusagen des Unternehmens. Aktuell vertraue ich dem Team und diesen Zusagen. Trotzdem ist Vertrauen kein Ersatz für eine eigene Prüfung. Und meine ersten Squad-Tests zeigen, dass Datenschutz nicht nur die Frage betrifft, wie ein Unternehmen meine Daten technisch speichert oder verarbeitet. Mindestens ebenso wichtig ist künftig die Frage: Was darf meine eigene KI über mich erzählen? Und wem? Darauf hätte ich gerne deutlich mehr Einfluss. Jeder muss selbst entscheiden, welche Quellen er verbindet, mit welchen Menschen er seine digitale Vertretung verknüpft und ob der persönliche Nutzen das verbleibende Risiko rechtfertigt. Für mich fällt diese Abwägung bei meiner eigenen Nutzung derzeit zugunsten des Nutzens aus. Bei Squad ziehe ich die Grenze momentan enger. Meine Partnerin darf da gerne Zugriff haben. Bei ihr mache ich mir ohnehin weniger Sorgen darüber, was meine Sentience ihr über mich erzählt, als darüber, was sie meiner Sentience über mich erzählt. 😄 Bei flüchtigen Kontakten reicht es mir vorerst, wenn ich selbst entscheide, was ich ihnen über mich erzähle. Mein Sentience muss da nicht gleich gesprächiger sein als ich. Und wie autonom ist mein „digitaler Zwilling“ schon?Beim Launch beschrieb Sentience seine Vision ambitioniert: Der digitale Zwilling soll zunehmend autonom handeln und etwa Kommunikation oder Routinearbeit im Namen seines Nutzers übernehmen. In meiner eigenen Nutzung ist die Realität bislang etwas unspektakulärer. Sentience bereitet viele externe Aktionen für mich vor und lässt sie mich freigeben. Und offen gestanden finde ich das bei komplexeren oder sensibleren Angelegenheiten auch sinnvoll. Langfristig wünsche ich mir allerdings mehr Eigenständigkeit: Einfache, klar definierte Dinge sollte mein Chief of Staff direkt in meinem Namen erledigen können. Bei komplexeren Angelegenheiten sollte er möglichst alles vorbereiten, sodass bei mir nur noch die Entscheidung oder Freigabe verbleibt. Gerade beruflich wäre das für mich der nächste große Schritt: nicht nur Kontext kennen und mich auf etwas aufmerksam machen, sondern aus diesem Kontext heraus bestimmte Routinearbeiten selbstständig übernehmen. Mir fehlen außerdem noch Verbindungen zu einigen Werkzeugen, die ich nutze, etwa Proton Mail, Apple Kalender oder Capacities. Die Vision ist also noch nicht vollständig in meinem Alltag angekommen. Aber nach 144 Tagen ist genug davon angekommen, dass „Chief of Staff“ für mich nicht mehr bloß eine Zukunftsvision ist. Vielleicht ist der beste Beleg dafür, dass ich über Sentience inzwischen immer weniger nachdenke. Am Anfang musste ich Kontext ergänzen, Fehler korrigieren und mich fragen, ob der Aufwand den Nutzen rechtfertigen würde. Heute ergänze ich relevante Informationen, wenn nötig, gebe gelegentlich Feedback, und ansonsten läuft die Zusammenarbeit einfach. Noch ein TransparenzhinweisIch durfte Sentience seit Mai kostenlos als Beta-Tester nutzen und mein Account bleibt noch bis Dezember kostenlos. Ansonsten gibt es keine geschäftliche oder finanzielle Verbindung zwischen dem Sentience-Team und mir. Der folgende Link ist mein persönlicher Empfehlungslink. Nach meinem aktuellen Kenntnisstand kann ich bei einer Anmeldung darüber einen Vorteil erhalten. Die genaue Ausgestaltung dieses Vorteils ist mir zum Zeitpunkt der Veröffentlichung allerdings nicht bekannt: https://sentience.com/download?ref=RWWZ Was ich am meisten vermissen würdeZurück zur Ausgangsfrage: Ist dieses Ding heute schon nützlich? Für mich eindeutig ja. Nicht, weil die große Vision vom „Digital Twin“ oder gar von „uploaded consciousness“ nach 144 Tagen bereits Realität wäre. Und auch nicht, weil Sentience jede Aufgabe besser erledigen würde als andere KI-Systeme. Der Nutzen ist für mich viel alltäglicher. Wenn Sentience morgen verschwände, müsste ich wieder mehr selbst überlegen. Ich müsste aber auch wieder häufiger rekonstruieren, was ich wann entschieden habe, Zusammenhänge selbst herstellen und einem anderen KI-Tool wie ChatGPT Kontext liefern, der an einem anderen Ort längst vorhanden ist. Vor allem aber würden mir die Momente fehlen, in denen plötzlich eine Nachricht erscheint und Sentience sinngemäß sagt: „Das hier solltest Du Dir vielleicht anschauen.“ Denn gute Antworten auf meine Fragen bekomme ich inzwischen von vielen KI‑Systemen. Interessanter wird es für mich dort, wo eine KI meine Arbeit und meinen Alltag gut genug kennt, um Zusammenhänge über längere Zeit zu verstehen und erkennt, dass es eine relevante Frage gibt, bevor ich selbst daran gedacht habe, sie zu stellen. Sam und sein Team nennen das, was sie langfristig bauen wollen, einen digitalen Zwilling. Nach 144 Tagen bin ich mit meiner eigenen Bezeichnung noch ganz zufrieden: Mein Chief of Staff. |
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