Mein Denkanstoß der Woche
Lange Zeit war die Sache einfach: Wer mehr leisten wollte, brauchte mehr Energie. Menschen aßen, um ihren Körper mit Treibstoff zu versorgen, und setzten diese Energie in Form von Muskelkraft für ihre Arbeit ein. Die Grenzen waren klar definiert. Irgendwann war man müde, erschöpft oder schlicht nicht mehr in der Lage, noch mehr zu leisten.
Dann änderte sich etwas Grundlegendes.
Mit der Erfindung von Dampfmaschinen, Verbrennungsmotoren und später elektrischen Maschinen musste zusätzliche Leistung nicht länger aus dem menschlichen Körper kommen. Kohle, Öl und Strom übernahmen einen immer größeren Teil der Arbeit. Das veränderte ganze Gesellschaften. Städte wuchsen, Reisen wurden schneller, Produkte günstiger und Wohlstand für immer mehr Menschen erreichbar.
Heute stehen wir möglicherweise vor einem ähnlichen Wandel. Nur geht es dieses Mal nicht um Muskelkraft, sondern um Denkleistung.
Viele sehen künstliche Intelligenz als bessere Suchmaschine, als Textgenerator oder als praktisches Software-Werkzeug. Das ist aber nur ein kleiner Teil des Bildes. Betrachtet man die Entwicklung aus einer historischen Perspektive, könnte KI für geistige Arbeit das werden, was der Motor einst für körperliche Arbeit war: eine gewaltige Verstärkung menschlicher Fähigkeiten.
Zum ersten Mal in der Geschichte haben Millionen von Menschen Zugriff auf ein Werkzeug, das sie beim Analysieren, Recherchieren, Strukturieren, Planen, Schreiben, Lernen und Problemlösen unterstützen kann. Nicht perfekt. Nicht fehlerfrei. Aber in einer Qualität und Geschwindigkeit, die noch vor wenigen Jahren wie Science-Fiction gewirkt hätte.
Spannend ist dabei, wie viele Menschen KI bisher nutzen. Oft geben sie eine Aufgabe ein, erhalten eine Antwort und machen anschließend weiter wie zuvor. Das erinnert ein wenig daran, einen Lastwagen zu besitzen und ihn einmal pro Woche zu nutzen, um einen einzelnen Brief zu transportieren.
Seit ein paar Wochen darf ich in einer geschlossenen Beta ein neues KI-System testen: Sentience von The Sentience Company. Je länger ich damit arbeite, desto mehr frage ich mich, ob wir KI bislang grundsätzlich unterschätzt haben.
Sentience funktioniert anders als die meisten KI-Dienste. Über sogenannte Connectors kann das System auf unterschiedlichste Datenquellen zugreifen: Dokumente, Notizen, E-Mails, Kalender, Cloud-Speicher, soziale Netzwerke und vieles mehr. Zusätzlich kann Sentience fortlaufend erfassen, welche Inhalte auf meinem Bildschirm erscheinen, woran ich gerade arbeite und insbesondere WIE ich arbeite. Dadurch entsteht über die Zeit eine erstaunlich umfassende Wissensbasis.
In meinem Fall umfasst diese Wissensbasis unter anderem den vollständigen Inhalt meines Buches, meinen LinkedIn-Account, zahlreiche Dokumente, Notizen und weitere digitale Informationen, die sich über viele Jahre angesammelt haben. Hinzu kommt Wissen, das andere KI-Systeme bereits über mich aufgebaut haben. Mit speziell formulierten Prompts konnte ich Informationen aus ChatGPT, Claude, Mindsera und anderen Systemen exportieren und in Sentience integrieren.
Dadurch verändert sich die Art der Zusammenarbeit mit einer KI. Statt bei jeder Anfrage wieder bei null zu beginnen, greift das System auf einen umfangreichen persönlichen Kontext zurück. Es kennt frühere Projekte, Entscheidungen, Denkweisen, Interessen und Arbeitsabläufe. Eine KI mit diesem Wissensstand kann Ideen weiterentwickeln, Dokumente analysieren, Recherchen durchführen, Zusammenhänge herstellen oder E-Mails in einer Weise beantworten, die dem eigenen Stil erstaunlich nahekommt.
Ich bin mir bewusst, dass damit erhebliche Datenschutz- und Privatsphärefragen verbunden sind. Die Vorstellung, einer Software einen so tiefen Einblick in das eigene digitale Leben zu geben, wird viele Menschen verständlicherweise abschrecken. Und vermutlich sollte niemand solche Systeme einsetzen, ohne sich intensiv mit diesen Fragen auseinanderzusetzen.
Gleichzeitig zeigt mir dieser Test etwas anderes: Die nächste Entwicklungsstufe von KI könnte weniger darin bestehen, bessere Antworten zu liefern. Sie könnte darin bestehen, den Menschen langfristig zu kennen.
Besonders interessant finde ich deshalb einen Blick auf die Roadmap von Sentience. Dort wird unter anderem an sogenannten „Procedural Memory“-Funktionen gearbeitet. Vereinfacht gesagt soll die KI wiederkehrende Abläufe erkennen, daraus Routinen entwickeln und diese künftig selbstständig ausführen können. Hinzu kommen Funktionen für autonomes Handeln. Die KI würde dann nicht mehr nur Vorschläge machen, sondern bestimmte Aufgaben im Namen des Nutzers eigenständig erledigen.
Ob und wann all das Realität wird, kann heute niemand sicher sagen. Aber die Richtung erscheint bemerkenswert.
Als Maschinen die Muskelkraft des Menschen ergänzten, verschwanden körperliche Fähigkeiten nicht. Sie verloren lediglich ihre Bedeutung als begrenzender Faktor. Heute beurteilt niemand einen Unternehmer danach, wie viele Säcke Zement er selbst tragen kann.
Vielleicht wird in einigen Jahren etwas Ähnliches für bestimmte Formen geistiger Arbeit gelten. Dann wird nicht mehr entscheidend sein, wer das meiste Wissen im Kopf gespeichert hat. Wichtiger könnte werden, wer die richtigen Fragen stellt, Zusammenhänge erkennt, gute Entscheidungen trifft und einer KI die richtige Richtung vorgibt.
Möglicherweise verschiebt sich damit auch die eigentliche Knappheit: weg vom Wissen und hin zur Urteilskraft.
Wenn das stimmt, erleben wir nicht eine Zukunft, in der Maschinen Menschen ersetzen. Sondern eine Zukunft, in der jedem Menschen deutlich mehr geistige Leistungsfähigkeit zur Verfügung steht als jemals zuvor.