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Zwischen den Zeilen #226: Weshalb die Geschichte der Tulpenmanie nicht stimmt

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Zwischen den Zeilen

Vieles von dem, worüber ich schreibe, findet „zwischen den Zeilen" statt; nicht nur in den offensichtlichen Aussagen, sondern im Nachdenken, Reflektieren und Weiterdenken. In Zitaten, die hängen bleiben. In Gesprächen, die nachklingen. In Gedanken, die auftauchen und im Kopf bleiben.Auch der Slogan bringt das auf den Punkt: „Neue Perspektiven für Menschen mit Zielen.“ Denn darum geht’s mir Woche für Woche: Impulse geben. Denkanstöße liefern. Mut machen, anders zu denken und neue Wege zu gehen.

Andreas Hobi

Neue Perspektiven
für Menschen mit Zielen


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In dieser Ausgabe:

  • 💡 Wenn es sich nicht mehr lohnt, nach der Wahrheit zu suchen
  • 🤖 Würdest Du eine KI für Dich entscheiden lassen?
  • 🌷 Weshalb die Geschichte der Tulpenmanie nicht stimmt

Mein Lesetipp der Woche

Wir leben in einer Zeit, in der Informationen so verfügbar sind wie nie zuvor. Jede Studie, jede Gegenstudie, jede Meinung, jeder selbst ernannte „Experte“ ist nur einen Wisch entfernt. Deshalb fällt es uns schwerer denn je, klare Entscheidungen zu treffen. Nicht, weil wir zu wenig wissen, sondern weil die Wahrheit zu finden anstrengend geworden ist.

Gurwinder Bhogal bringt es auf den Punkt: Wenn der Aufwand, die Wahrheit zu finden, größer wird als der Wert, sie zu kennen, geben Menschen auf.

Dieser Gedanke erklärt etwas, das wir jeden Tag beobachten. Menschen sind nicht dumm. Sie sind überfordert. Und wenn Du überfordert bist, optimierst Du nicht auf Genauigkeit. Du optimierst auf emotionale Entlastung. Auf Geschichten, die sich gut anfühlen. Auf Erklärungen, die sauber in Dein bestehendes Weltbild passen.

Jonathan N. Stea beschreibt denselben Mechanismus im Bereich Gesundheit. Noch nie hatten wir Zugang zu so guten medizinischen Informationen. Und noch nie haben so viele Menschen so schlechte Gesundheitsentscheidungen getroffen. Nicht trotz dieser Informationen, sondern weil die richtigen Informationen im Lärm untergehen. Algorithmen belohnen Skandale, nicht die langweilige Wahrheit. Selbstsicherheit schlägt Kompetenz. Eine spannende, erfundene Geschichte verbreitet sich schneller als eine durchdachte Studie.

Was mich beunruhigt: Wenn zu viel Unsinn im Umlauf ist, verdeckt er die Wahrheit nicht nur, er entwertet sie. Wahrheit wird zu einer weiteren Meinung. Evidenz zu einem Gefühl. Und dann fragen Menschen nicht mehr: „Ist das korrekt?“, sondern: „Fühlt sich das für mich richtig an?“

Mein Denkanstoß der Woche

„Ich würde niemals eine KI für mich entscheiden lassen!“ Ein Satz, den viele mit fester Überzeugung sagen.

Und dann steigen sie ins Auto und folgen Google Maps, selbst dann, wenn Google sie auf die Freilichtbühne einer laufenden Theatervorstellung oder auf die Skipiste schickt.

Wenn Du kurz innehältst, merkst Du: Wir lassen längst Algorithmen für uns entscheiden:

  • Google Maps weiß (oft) besser als Dein Bauchgefühl, welche Route schneller ist.
  • Skyscanner zeigt Dir, wann Fliegen günstig ist.
  • Netflix entscheidet, was Du heute Abend schaust.
  • Spotify legt Dir Musik auf, die erstaunlich gut zu Deiner Stimmung passt.
  • Amazon weiß oft, was Du brauchst, bevor Du selbst daran denkst.
  • Und Robo-Advisor kümmern sich um Teile Deiner Finanzplanung: emotionslos, diszipliniert, rund um die Uhr.

Die Frage sollte also nicht sein, ob Du der KI Deine Entscheidungen überlässt. Sondern welche.

Mein Aha-Erlebnis der Woche

Die Tulpenmanie.

Fast jeder hat die Geschichte schon gehört: Menschen sollen im 17. Jahrhundert angeblich ihre Häuser verkauft haben, um Tulpenzwiebeln zu kaufen. Dann kam der große Knall, alles brach zusammen, Existenzen wurden vernichtet, eine ganze Volkswirtschaft, ein ganzes Land (die Niederlande) lag am Boden. Ein perfektes Lehrstück darüber, wie irrational Menschen sein können. Ein warnendes Märchen, das gerne dann hervorgeholt wird, wenn es um Investitionen und die Börse geht.

Andrew Leigh kratzt in seinem Buch genau an diesem Mythos. Und plötzlich ist die Geschichte deutlich weniger spektakulär. Denn die absurd hohen Preise galten nur für extrem seltene Tulpenzwiebeln. Nicht für den Massenmarkt. Und der Preisverfall? Ja, er war da. Aber er zog sich über Jahre hin. Kein apokalyptischer Crash über Nacht. Vor allem aber: Die niederländische Wirtschaft florierte weiter. Keine Rezession. Kein wirtschaftlicher Scherbenhaufen. Kein kollektives Trauma. Denn die Tulpen machten nur einen kleinen Teil der Wirtschaft aus.

Wir Menschen lieben Geschichten. Vor allem einfache. Klare. Dramatische. Geschichten mit Helden und Schurken, mit Höhenflug und Absturz. Sie geben uns Orientierung. Und sie geben uns das angenehme Gefühl, schlauer zu sein als „die da damals“.

Das Problem: Diese Geschichten prägen, wie wir heute denken und entscheiden.

Wenn wir glauben, dass jede Übertreibung zwangsläufig in einer Katastrophe endet, werden wir vorsichtig. Vielleicht zu vorsichtig. Wenn wir jede neue Entwicklung reflexartig mit der Tulpenmanie vergleichen, sparen wir uns das Denken. Wir greifen zur bekannten Schablone und fühlen uns auf der sicheren Seite.

Aber die Realität ist selten so sauber geschnitten.

Nicht jede Übertreibung zerstört alles. Und nicht jede populäre Erzählung hält einer genaueren Betrachtung stand. Manchmal sind es nicht die Fakten, die uns leiten, sondern Geschichten, die wir aufbauschen und weitererzählen.

Ich frage mich: In wie vielen Bereichen meines Lebens treffe ich Entscheidungen auf Basis solcher vereinfachter Narrative? Wo habe ich innerlich schon ein Urteil gefällt, bevor ich überhaupt genauer hingeschaut habe?

Vielleicht geht es Dir ähnlich.


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Zwischen den Zeilen

Vieles von dem, worüber ich schreibe, findet „zwischen den Zeilen" statt; nicht nur in den offensichtlichen Aussagen, sondern im Nachdenken, Reflektieren und Weiterdenken. In Zitaten, die hängen bleiben. In Gesprächen, die nachklingen. In Gedanken, die auftauchen und im Kopf bleiben.Auch der Slogan bringt das auf den Punkt: „Neue Perspektiven für Menschen mit Zielen.“ Denn darum geht’s mir Woche für Woche: Impulse geben. Denkanstöße liefern. Mut machen, anders zu denken und neue Wege zu gehen.