Mein Aha-Erlebnis der Woche
David Epstein schreibt in seinem Buch „Es lebe der Generalist!“:
"Die Wissenschaft zeigt, dass die Übertragbarkeit von Fähigkeiten Grenzen hat. Psychologen haben bereits 1923 zwischen „naher“ und „ferner“ Lernübertragung unterschieden. Du kannst deine Erfahrungen mit einem Musikinstrument nutzen, um ein anderes zu lernen, aber dadurch wirst du nicht besser in Mathe. Ersteres ist Nahtransfer, während Letzteres Ferntransfer ist. Erfahrungen lassen sich proportional zur Anzahl ähnlicher Elemente, die zwei Aktivitäten gemeinsam haben, übertragen – Nahtransfer ist ein wertvolles Lerninstrument, aber Ferntransfer wurde weitgehend widerlegt. Trotz gegenteiliger Argumente macht es Kinder nicht irgendwie schlauer in der Schule, wenn man ihnen Schach oder Klavier beibringt."
David Epstein zeigt: Lernen entfaltet seine Wirkung nur dann, wenn es in einem ähnlichen Kontext angewendet wird. Alles andere bleibt isoliert.
Und genau das lässt sich aktuell beim Thema KI beobachten. Viele investieren Zeit. Teilweise sogar sehr viel Zeit. Sie beschäftigen sich mit Tools, lesen Artikel, probieren Funktionen aus, feilen an ihren Prompts. Es liegt also nicht daran, dass sie zu wenig tun.
Das eigentliche Problem ist ein anderes: Sie investieren ihre Zeit oft am falschen Ort. Denn Zeitaufwand allein führt nicht automatisch zu Fortschritt. Entscheidend ist, wofür Du diese Zeit einsetzt.
Wenn Du mal beobachtest, wie Du KI gerade nutzt, dann bewegst Du Dich wahrscheinlich häufig in Bereichen, die relativ leicht zugänglich sind: Texte erstellen, Ideen entwickeln, Inhalte strukturieren. Das ist naheliegend.
Mit der Zeit wirst Du besser darin, Texte zu erstellen oder Ideen zu entwickeln; keine Frage. Aber oft arbeitest Du da nicht an den Punkten, die Deinen Alltag wirklich bestimmen.
Die eigentlichen Engpässe liegen meist eine Ebene tiefer:
- Wie Du Entscheidungen triffst, wenn Dir wichtige Informationen fehlen.
- Wie Du mit Unsicherheit umgehst.
- Wie Du Deine Aufmerksamkeit steuerst, während ständig etwas Deine Reaktion fordert.
Das sind keine Bereiche, in denen man „einfach mal ein bisschen üben“ kann. Und genau deshalb werden sie häufig ausgeklammert.
Stattdessen entsteht eine paradoxe Situation: Du entwickelst Fähigkeiten, die für sich genommen sinnvoll sind, aber kaum Einfluss auf das haben, was Dich eigentlich bremst.