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Manche Probleme verdienen den MittelfingerVor kurzem bekam ich eine E-Mail von einem Newsletter-Leser, die den Werkzeugkasten an Zeitmanagement-Tipps auf kreative Weise erweitert. Helmut Fritz, Inhaber von Fritz ORG und „Unternehmensberater mit Werkhallen-DNA“, erzählte mir von seiner „Drei-Finger-Regel“. Wenn eine Aufgabe auftaucht, ordnet er sie gedanklich einem von drei Fingern zu: Der Daumen bedeutet: Das ist meine Aufgabe. Ich bin dran. Der Zeigefinger: Das ist die Aufgabe eines anderen. Also soll derjenige sie erledigen. Und dann gibt es noch den Mittelfinger. Der steht für all die Dinge, die weder ich noch ein anderer Mensch zu erledigen hat. Dinge, die schlicht außerhalb unserer Kontrolle liegen. Oder, wie Helmut Fritz es formulierte: Das ist „dem lieben Gott seine Aufgabe und er wird sich darum kümmern.“ Ich muss zugeben: Der Mittelfinger hat mir auf Anhieb gefallen. Wir versuchen nämlich viel zu oft, unsere Aufgaben möglichst clever zu priorisieren, obwohl vorher eine andere Frage geklärt werden müsste: Ist das überhaupt meine Aufgabe? Die Grundidee hinter Fritz’ Drei-Finger-Regel geht auf die US-amerikanische Autorin Byron Katie zurück. Sie unterscheidet zwischen drei Arten von Angelegenheiten: meinen Angelegenheiten, den Angelegenheiten anderer und den Angelegenheiten Gottes beziehungsweise der Realität. Fritz hat daraus seine eigene, einprägsame Drei-Finger-Metapher gemacht, die er auch in seinen Coachings verwendet. Und genau diese Unterscheidung trifft meiner Meinung nach einen blinden Fleck vieler Zeitmanagementmethoden. Wenn 17 Dinge auf Deiner To-do-Liste stehen, kannst Du sie nach Wichtigkeit und Dringlichkeit sortieren, Kategorien bilden, Prioritäten vergeben und Deinen Tag immer weiter optimieren. Du könntest Dich aber auch zuerst fragen, wie viele dieser 17 Dinge überhaupt in Deinen Zuständigkeitsbereich gehören. Denn darin sind wir erstaunlich gut: fremde Angelegenheiten zu unseren eigenen zu machen. Ein Mitarbeiter müsste selbst eine Entscheidung treffen, aber Du denkst vorsorglich schon einmal für ihn mit. Ein Kollege arbeitet anders, als Du es tun würdest, und plötzlich beschäftigst Du Dich ausgiebig mit seiner Arbeitsweise. Jemand könnte schlecht über Dich denken. Ein Kunde könnte sich anders entscheiden als erhofft. Das Wetter könnte Deine Pläne durchkreuzen. Die wirtschaftliche Lage könnte sich verschlechtern. All das kann wichtig sein. Aber wichtig ist nicht dasselbe wie zuständig. Und deshalb gefällt mir der Daumen inzwischen fast noch besser als der Mittelfinger. Denn der Daumen bedeutet nicht: „Das hier ist wichtig.“ Er bedeutet: „Ich bin dran.“ Das ist ein großer Unterschied. Gutes Zeitmanagement besteht schließlich nicht darin, möglichst viel loszuwerden. Es bedeutet genauso, dort Verantwortung zu übernehmen, wo sie tatsächlich bei einem selbst liegt. Der Daumen verhindert die gegenteilige Falle: alles wegzudelegieren, sich aus allem herauszureden oder äußere Umstände für Dinge verantwortlich zu machen, die man selbst beeinflussen könnte. Manches ist eben tatsächlich Dein Problem. Die unangenehme Entscheidung, die Du seit Tagen aufschiebst. Das Gespräch, das Du längst führen solltest. Der Fehler, den Du gemacht hast. Die Aufgabe, für die nun einmal Du verantwortlich bist. Da hilft kein Zeigefinger. Und der Mittelfinger schon gar nicht. Genauso wenig sinnvoll ist es allerdings, Verantwortung für Dinge zu übernehmen, auf die Du keinerlei Einfluss hast. Gutes Selbstmanagement besteht deshalb aus zwei Bewegungen, die sich nur auf den ersten Blick widersprechen: mehr Verantwortung für das Eigene, und weniger Verantwortung für den Rest. Der Daumen sagt: Kümmere Dich darum. Der Zeigefinger sagt: Lass andere ihre Verantwortung selbst tragen. Und der Mittelfinger erinnert daran, dass es noch eine dritte Kategorie gibt: Dinge, die niemand von uns kontrollieren kann; egal, wie lange wir darüber nachdenken, uns darüber ärgern oder sie gedanklich wieder und wieder durchspielen. Das Bemerkenswerte an dieser Methode ist: Sie priorisiert Deine Aufgaben gar nicht. Stattdessen klärt sie zuerst, was überhaupt eine Aufgabe für Dich ist. Und das ist genau der Schritt, der vielen Priorisierungsmethoden fehlt. Wir investieren viel Zeit darin, unsere To-do-Listen zu organisieren. Manchmal wäre es sinnvoller, zuerst all das herauszustreichen, was dort nie hätte landen dürfen. Wenn Deine Aufgabenliste das nächste Mal überquillt, musst Du nicht als Erstes entscheiden, was A-, B- oder C-Priorität bekommt. Für den Anfang reichen drei Finger. Und die Frage: Wie viele Deiner heutigen „Aufgaben“ sind wirklich Deine Angelegenheiten? |
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